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nochmalige Anmerkungen von Peter Jaenecke zu den Anmerkungen von Walther
Umstaetter
Umstätter:
Wir leben meines Erachtens nicht, wie alle behaupten, in der
Wissensgesellschaft sonder in einer Wissenschaftsgesellschaft. Das mag
terminologisch sehr pingelich klingen, hat aber entscheidende
Implikationen. Unsere Gesellschaft besitzt nicht viel Wissen, gemessen an
dem was sie noch brauchen wird, um zu ueberleben. Ausserdem verbirgt sich
in diesem Wort "Wissensgesellschaft" die grosse Gefahr, dass unsere
Rechtsprechung altes Wissen uebergebuehr schuetzt und damit so manche
Innovation verhindert. In dieser Behinderung liegt ein grosser Teil der
allgemeinen Unzufriedenheit ueber den heutigen Informationsmarkt. Die
Parallele zum Beginn der Industrialisierung, in der schon einmal alter
Besitz in Form von Grossgrundbesitz in die Schusslinie der Gesellschaft
geriet, ist dabei kein Zufall. Wir stehen heute deshalb am Beginn der
Wissenschaftsgesellschaft, weil die Menschen in ihr von der Wissenschaft
leben und immer weniger von Produkten, die zunehmend von Robotern
erzeugen werden. Die Frage nach der Existenz sprachinvarianten
Wissens scheint mir mehr ein Kommunikationsproblem im Sinne der
Informationstheorie denn ein Wissensproblem zu sein. Abgesehen davon,
dass wir in Begriffen und nicht in Worten (d.h. in Sprache) denken,
soweit scheinen mir die Fortschritte in der kognitiven Psychologie und
den Neurowissenschaften inzwischen eindeutig und klar zu sein, Umstätter:
"Vorstellungen/Begriffe, die in Beziehung zueinander gesetzt wurden (Jaenecke)
kann ich nicht nachvollziehen. Im Gegenteil: Das bedeutet doch gerade,
dass Wissenseinheiten nur durch die Beziehungen von Begriffen zueinander
darstellbar sind. Umstätter:
Hier empfiehlt sich allerdings zur Vermeidung von Missverstaendnissen die
Unterscheidung der Einheit von Wissen als Masseinheit in Bit von der
Einheit von Wissen als Wissenselement. Beide koennen, auf
unterschiedlichem Wege, zu groesseren Einheiten zusammengesetzt werden.
Die Ansicht, Wissen auf elementare Einheiten zurueckfuehren zu koennen
scheint mir nicht nur auf unser logik-zentriertes abendlaendisches Denken
zurueckfuehrbar zu sein, sondern auf die biologische Tatsache, dass wir
immer nur begrenzte assoziative Informationsmengen durch unsere Sinne
aufnehmen und durch unsern sog. ratiomorphen Apparat verarbeiten koennen. Umstätter:
(Beispiel: Wer seine Finger einmal in ein Feuer gehalten hat kommt
normalerweise rasch zu dem logischen Schluss dies nicht mehr zu
wiederholen - er hat eine auf Erfahrung begruendete Information darueber
wie schmerzhaft Feuer ist. Als Wissenschaftler kann er dies darueber
hinaus bei Bedarf auch logisch begruenden.) Die Frage nach den
Grundeinheiten des Wissens ist eine Frage nach der Praezision des selben. Umstätter:
Schon die Informationstheorie macht deutlich, dass die Grundelemente der
Information arbitraer auf den gewuenschten Ebenen aufsetzen kann. Eine
binaere Einheit kann bei ASCII-Zeichen zur Codierung von 256 Buchstaben
fuehren oder die Entscheidung ueber Krieg und Frieden bedeuten. Dass man
diese Dinge nicht beliebig zusammenwerfen darf ergibt sich damit
zwangslaeufig. Die Unterscheidung von Wissenstheorie,
Wissenschaftstheorie und Szientographie ist im Rahmen einer solchen
Diskussion sicher wesentlicher Bestandteil, wobei man zunaechst von den
Worten selbst ausgehen sollte. Wissenstheorie koennte zunaechst
zwei Bedeutungen haben; eine Theorie die Wissen enthaelt bzw. eine
Theorie ueber das Wissen. Da die erste Moeglichkeit tautologisch ist,
kann sinnvollerweise nur die zweite Gegenstand der Betrachtung sein. In
Ihr ist damit die zentrale Frage, was ist Wissen und was laesst sich
theoretisch aus der Theorie ueber Wissen folgern. Umstätter:
Wenn wir Wissenschaft, wie wir es in unserer Gesellschaft fuer
Wissenschaftsforschung getan haben, als methodisches Problemloesen
definieren, dann beschaeftigt sich die Wissenschaftstheorie zwangslaeufig
mit der Theorie ueber diese Aufgabe und allem was dazu gehoert. Damit
kann der Aufzaehlung von Aufgaben in diesem Bereich nur zugestimmt
werden: Sie befasst sich mit der Erkenntnis von Tatsachen, mit den
Methoden des Erkennens und Schliessens, dem Aufbau von Theorien, den
Methoden die Wahrheit sicherzustellen und mit situativen und
gesellschaftlichen Faktoren, die Prozesse von Forschung und Wissenschaft
bestimmen. (Mit anderen Worten, es gehoert zur Problemloesung auch das
erkennen derselben, wobei Wissenschaft, wenn sie wirklich eine solche
ist, methodisch vorgeht. Im Gegensatz dazu geht Forschung nicht immer
methodisch vor, da sie auch nach Informationen sucht, von denen wir noch
keine Kenntnis haben. Sie folgt nicht selten dem sog. random walk.) Wenn
es weiter heisst: Was Wissen ist, wird dabei nicht explizit gefragt, so
ist das nur richtig, wenn wir diesen Gegenstand in der Wissensforschung
bereits abgegrenzt haben. Andererseits waere es irrefuehrend, wenn man zu
der Auffassung gelangen wuerde, dass man in der Wissenschaft nicht zu
wissen braucht was Wissen ist Umstätter: -
auch wenn hier bekanntlich grosse Irritationen beobachtbar sind. Die oben
genannte methodische Problemloesung ist nur moeglich, wenn sie auf der
Basis begruendete Information aufbaut. Entsprechend der Szientometrie
sollte auch Szientographie nicht als Beschreibung (bzw. Messung) der
allgemeinen Eigenschaften von Wissen verstanden werden, sondern sich auf
die Beschreibung der Wissenschaft und ihrer Arbeitsweise beziehen. Die
Beschreibung von Wissen ist Gegenstand der Wissenschaft selbst. Ohne eine
schriftlich dokumentierte Problemloesung ist Wissenschaft sinnlos.
Der Verweis auf SEIFFERT, "Einfuehrung in die Wissenschaftstheorie, Bde.
1-3, Beck, Muenchen 1991 (9./11. Auflage)", nach dem "die Sache viel zu
komplex, (ist) als dass sie sich unter einen einzigen Begriff, naemlich
'Wissen', bringen liesse." erscheint mir abwegig. Fast alle Begriffe die
wir kennen sind bei genauer Betrachtung aeusserst komplex und werden von
uns trotzdem mit einer Benennung gekennzeichnet. Das gilt fuer Sein,
Universum, Leben, Tod, Atom oder Wissen. Umstätter:
So wie Bauelemente erst durch die Architektur ihre volle Bedeutung
bekommen, so gewinnt Wissen in Sprache erst durch die Syntax ihre
Bedeutung und Begriffe in unserem Gehirn durch die Relationen in unserem
Nervennetz. Umstätter:
Die Aussage: "Zum Wissen gehoert auch das Nicht-formalisierbare, das, was
nur vage fassbar ist und das, was wir gar nicht zum Thema von
Wissenschaft machen." stellt die Dinge auf den Kopf. Um es deutlicher zu
sagen: Nicht-Wissen kann unmoeglich zum Wissen gehoeren. Das verbietet
unsere Logik. Umstätter:
Ansonsten ist gerade das, was bis heute nur vage fassbar ist
Hauptgegenstand der Wissenschaft um es je nachdem praeziser oder auch
fassbarer zu machen. Dabei ist es eben die Kunst in der Wissenschaft, das
bisher Nicht-formalisierbare zunaechst klassifizierbar, damit
organisierbar und wenn moeglich auch skalierbar bzw. messbar zu machen. Umstätter:
Dass ich dem Satz: "Wir koennen Wissen bisher nicht quantifizieren."
vehement widersprechen muss, duerfte nach Nachrichten fuer Dokumentation
49 (4) S.221-224 (1998) verstaendlich sein. Die Auffassungen, dass Wissen
untrennbar mit menschlichem Handeln verbunden sei, zeigt lediglich, dass
hinter einer solchen Aussage keine allgemein verbindliche Definition fuer
Wissen steht, bzw. dass hier Wissen und menschliches Bewusstsein
gleichgesetzt werden. Umstätter:
Demnach duerfte es weder goettliches noch sog. kuenstliches Wissen geben.
Das in Bibliotheken gespeicherte Wissen waere damit ebenfalls negiert.
Die Renaissance der Klassifikationen und Thesauri ist im eigentlichen
Sinne kein Wiedergeburt sondern eine konsequente Fortentwicklung der
Organisation von Information und Wissen in Bibliotheken und
Dokumentationen. Aus den auf monohierarchie zielenden Klassifikationen
des Bibliothekswesens (zur systematischen Aufstellung von Buechern)
entwickelten sich zunaechst die weitaus feiner gegliederten Thesauri der
Dokumentation, zur Erschliessung von nichtselbststaendigen Publikationen.
Dies Publikationen enthielten Bereits weitaus begrenztere
Wissenseinheiten als es die Buecher davor waren: Insbesondere in den
Naturwissenschaften erkennt man eine starke Vereinheitlichung, die daraus
bestanden, dass nach einer Einleitung mit kurzer Problemdarstellung,
Material und Methode zur Problemloesung genannt wurden, dann die
Ergebnisse erschienen, die in der Diskussion auch theoretisch begruendet
und mit Ergebnissen anderer Autoren verglichen wurden. Die heutigen, die
sogenannten semantischen Thesauri, die eigentlich semiotische Thesauri
genannt werden muessten, gehen nun noch einen Schritt weiter, indem sie
noch schaerfer umrissene Wissenselemente in Wissensbanken auch den
Computern "verstaendlich" machen. Diese Wissenselemente koennen so knapp
gehalten werden, weil sie in einer voellig neuen (intelligenten)
Vernetzung untereinander in logische Relationen gebracht werden koennen.
In dieser neuen Aufgabe der Wissensorganisation, mit Hilfe semiotischer
Thesauri, die untrennbar voneinander einen semantischen, einen
syntaktischen und einen pragmatischen Aspekt haben, sehe ich die groesste
Herausforderung fuer die ISKO. Das Wissensmanagement nicht nur eine
Modestroemung. Es war und ist die wichtigste Aufgabe des
wissenschaftlichen Bibliothekars - nun allerdings mit neuen
technologischen Moeglichkeiten. Wir sollten es allerdings terminologisch
klar vom Wissenschaftsmanagement unterscheiden. Letzteres ist die
logische Folge der von Kooperation gekennzeichneten Big Science. In ihr
darf man die Bedeutung des Internet mit dem World Wide Web, auf der Basis
von SGML, und ihre Rueckwirkung auf das Wissensmanagement nicht
unterschaetzen. Bevor wir allerdings "hochkaraetige Seminare fuer
Manager" anbieten, muessen wir unser eigenes Wissen auf diesem Gebiet
vertiefen, festigen und beherrschen. Solange hochkaraetige
Wissenschaftler oeffentlich auftreten und wiederholt behaupten, sie
wuessten nicht, was Information und was Wissen ist (mehrfach geschehen
bei der Tagung der Naturwissenschaftler und =C4rzte im letzten Jahr),
solange habe ich aehnliche Zweifel wie Herr Jaenecke - allerdings aus
anderen Gruenden. Betriebsorgansisatoren, Soft-warespezialisten bzw.
Wirtschaftsinformatiker haben inzwischen natuerlich auch die
Weiterentwicklung aus dem Informationsmanagement zum Wissensmanagement
durchlaufen. Die ISKO waere eine sehr gefragte Vereinigung, wenn es ihr
gelaenge, auf ihren Tagungen praktisch verwertbare wissenschaftliche
Fortschritte auf dem Gebiet der Wissensorganisation vorzuweisen. Dies
kann aus meiner Sicht nur auf der Basis einer fundierten
Informationstheorie gelingen, weil das Problem dann nicht mehr so
schwierig ist, wie Herr Jaenecke befuerchtet. Im Gegenteil, an einigen
Stellen zeigen sich so verblueffend einfache Loesungen, dass man es nur
schwer glauben kann. Umstätter:
Der traditionsreiche klassifikatorische Ansatz der ISKO gewinnt in den
semiotischen Thesauri eine neue und fundamentale Bedeutung, die wir ernst
nehmen, aber deswegen keinesfalls mit den dokumentarischen Thesauri von
frueher verwechseln sollten. Wissen ist aus der Sicht der
Informationtheorie ein unglaublich leistungsfaehiges Instrument zur
Kompression von Information, die es erlaubt, nicht nur 100 auf 10 Seiten
zu verdichten, sondern um den Faktor tausend und mehr effektiver sein
kann.
Peter Jaenecke, 15
Mar 1999
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